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Neue Anforderungen der regulatorischen Umgebung Chinas an die Compliance bei der Beschäftigungspraxis ausländischer Unternehmen

Einleitung: Der sich wandelnde regulatorische Rahmen – Warum Compliance in China heute anders ist

Sehr geehrte Investoren und geschätzte Leser, die Sie mit China verbunden sind. Als Lehrer Liu, der seit über 12 Jahren ausländische Unternehmen bei Jiaxi in steuerlichen und behördlichen Angelegenheiten begleitet und auf 14 Jahre praktische Erfahrung in Registrierungs- und Gründungsprozessen zurückblicken kann, möchte ich heute ein Thema mit Ihnen teilen, das in meiner täglichen Arbeit zunehmend an Brisanz gewinnt: die neuen Anforderungen der chinesischen Regulierungslandschaft an die Compliance in der Beschäftigungspraxis ausländischer Unternehmen. Die Zeiten, in denen man mit einem generellen Arbeitsvertrag und einer pauschalen Sozialversicherungsregelung durchkam, sind definitiv vorbei. Der regulatorische Fokus hat sich in den letzten Jahren fundamental verschoben – von einer eher formalen Überprüfung hin zu einer substanziellen, ganzheitlichen und datengestützten Prüfung der gesamten Mitarbeiterbeziehung. Für Investoren bedeutet dies: Das Personalrisiko ist heute ein zentraler betrieblicher und finanzieller Risikofaktor, der direkt die Bewertung eines Engagements in China beeinflussen kann. Die Hintergründe sind vielfältig: die Stärkung des Arbeitnehmerschutzes als gesellschaftspolitisches Ziel, die Harmonisierung von Rechtsvorschriften auf nationaler Ebene und nicht zuletzt der Einsatz moderner Überwachungstechnologien durch die Behörden. Ein Unternehmen, das hier nicht auf dem neuesten Stand ist, läuft Gefahr, nicht nur hohe Strafen und Nachzahlungen zu riskieren, sondern auch seinen Ruf als verantwortungsvoller Arbeitgeber nachhaltig zu schädigen. Lassen Sie uns gemeinsam einen detaillierten Blick auf die wichtigsten Handlungsfelder werfen.

Datenschutz und Mitarbeiterinformationen

Der Personal Information Protection Law (PIPL) hat das Spiel komplett verändert. Früher sammelten Unternehmen oft Daten ihrer Mitarbeiter, von der ID-Kopie bis zu Notfallkontakten, nach dem Prinzip "lieber zu viel als zu wenig". Heute ist jede Datenerhebung, -speicherung und -nutzung strengen Prinzipien der Notwendigkeit, Einwilligung und Transparenz unterworfen. Das fängt schon bei der Bewerbung an: Dürfen Sie nach dem Familienstand oder gar politischen Ansichten fragen? In den allermeisten Fällen nein. Die Einwilligung muss freiwillig, explizit und für den jeweiligen spezifischen Zweck gegeben werden. Ein pauschaler Passus im Arbeitsvertrag reicht bei weitem nicht mehr aus.

In der Praxis sehe ich oft, dass internationale HR-Systeme, die global eingesetzt werden, nicht PIPL-konform sind. Ein Klient, ein deutscher Maschinenbauer, musste sein gesamtes HR-System anpassen, weil die Server-Standorte und Datenflüsse nicht den lokalen Anforderungen entsprachen. Das war ein kostspieliges Projekt. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Weitergabe von Personal Daten an das Mutterhaus im Ausland. Dies stellt einen "Cross-Border-Transfer" dar und unterliegt extrem hohen Hürden, entweder durch eine Sicherheitsbewertung durch die Cyberspace-Behörde oder durch die Zertifizierung durch eine anerkannte Institution. Ohne diese kann die Weitergabe schlicht illegal sein. Die Compliance erfordert hier eine enge Abstimmung zwischen der lokalen HR, der Rechtsabteilung und der IT.

Meine persönliche Reflexion ist, dass viele Unternehmen die Tragweite des PIPL unterschätzen. Es geht nicht nur um eine neue Richtlinie, sondern um ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit personenbezogenen Daten. Die Behörden prüfen dies zunehmend im Rahmen von Routine-Arbeitsinspektionen. Ein Verstoß kann zu enormen Geldbußen, aber auch zu zivilrechtlichen Schadensersatzansprüchen der betroffenen Mitarbeiter führen. Ein solides Datenschutz-Managementsystem ist keine Option mehr, sondern eine betriebliche Notwendigkeit.

Sozialversicherung und Wohnungsfonds

Das Thema Sozialversicherung und Wohnungsfonds („Gongjijin“) ist ein Dauerbrenner, aber die Anforderungen haben eine neue Qualität erreicht. Früher war es in einigen Regionen oder Branchen noch üblich, nur die lokalen Mindestbeitragsbasen zu nutzen oder sogar nur für einen Teil der Belegschaft abzurechnen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Die Behörden setzen zunehmend auf Datenabgleich und Systemvernetzung. Das Steueramt, das für die Sozialversicherungsbeiträge zuständig ist, kann die abgeführten Beträge nun mühelos mit der tatsächlich gezahlten Lohnsumme und der Personalstärke abgleichen.

Ich erinnere mich an einen Fall aus der Automobilzuliefererbranche. Das Unternehmen hatte über Jahre hinweg für seine hochbezahlten expatriierten Führungskräfte Beiträge nur auf der Basis des lokalen Durchschnittsgehalts gezahlt. Bei einer umfassenden Prüfung wurde diese Diskrepanz aufgedeckt. Die Folge waren nicht nur hohe Nachzahlungen für das Unternehmen, sondern auch für die betroffenen Mitarbeiter, die plötzlich ihren persönlichen Anteil nachversteuern und nachzahlen mussten – ein massiver Vertrauensverlust. Der Wohnungsfonds ist hierbei besonders zu beachten, da er oft vergessen wird. Er ist jedoch in den meisten Städten für alle Mitarbeiter verpflichtend, und auch hier muss auf der Basis des tatsächlichen Gehalts berechnet werden.

Die Lösung liegt in einer proaktiven und korrekten Anmeldung. Unternehmen müssen sicherstellen, dass für jeden Mitarbeiter, vom Werkarbeiter bis zum Geschäftsführer, die Beiträge korrekt, vollständig und pünktlich auf Basis des tatsächlichen Entgelts abgeführt werden. Jede "Kreativität" in diesem Bereich ist ein erhebliches finanzielles und reputationales Risiko. Eine jährliche interne Überprüfung der Beitragsberechnungen ist dringend zu empfehlen.

Flexible Arbeitsformen und Gig-Economy

Die Zunahme von Projektarbeit, Teilzeitbeschäftigung und vor allem der Einsatz von Plattformarbeitern oder freien Mitarbeitern stellen die traditionellen Beschäftigungsmodelle vor große Herausforderungen. Die Regulierungsbehörden beobachten diesen Bereich sehr genau, um Scheinselbstständigkeit und die Umgehung von Arbeitgeberpflichten zu verhindern. Die entscheidende Frage lautet: Besteht ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis? Wenn der "Freelancer" fest in die betrieblichen Abläufe integriert ist, feste Arbeitszeiten einhält und mit den gleichen Tools wie Festangestellte arbeitet, besteht ein hohes Risiko, dass die Behörden oder ein Gericht ein faktisches Arbeitsverhältnis feststellen.

Ein Beispiel aus der IT-Branche: Ein Software-Unternehmen beschäftigte über Jahre mehrere Kernentwickler über wiederkehrende Dienstleistungsverträge. Nach einer Meinungsverschiedenheit klagte einer dieser Entwickler auf Feststellung eines Arbeitsverhältnisses – mit Erfolg. Das Unternehmen musste rückwirkend Sozialversicherung nachzahlen, Urlaubsgeld entschädigen und sogar eine Abfindung zahlen. Die Kosten überstiegen bei Weitem die vermeintlichen Einsparungen der Vorjahre.

Mein Rat ist hier, sehr vorsichtig zu sein. Für klar abgegrenzte, zeitlich befristete Projekte mit eigenem Equipment und freier Zeiteinteilung des Auftragnehmers kann ein Dienstvertrag passend sein. Sobald jedoch eine Integration in den Betrieb stattfindet, sollte ernsthaft eine reguläre Anstellung oder zumindest der Abschluss eines offiziellen "Labour Dispatch"-Vertrags über eine lizenzierte Zeitarbeitsfirma erwogen werden. Die Grauzone wird immer kleiner und teurer.

Neue Anforderungen der regulatorischen Umgebung Chinas an die Compliance bei der Beschäftigungspraxis ausländischer Unternehmen

Vergütungsstruktur und Equity-Based Compensation

Die Vergütungspakete, insbesondere für Führungskräfte und Spezialisten, werden immer internationaler und komplexer. Neben dem Grundgehalt gibt es oft variable Boni, Aktienoptionen (Stock Options), Restricted Stock Units (RSUs) oder virtuelle Aktienprogramme. Die steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Behandlung dieser Instrumente ist in China äußerst komplex und unterliegt häufigen Änderungen. Ein großer Fehler ist es anzunehmen, dass die Regelungen des Heimatlandes hier einfach Anwendung finden.

Die steuerliche Behandlung von Aktienoptionen ist ein typisches Beispiel. Der steuerpflichtige Zeitpunkt und die Bemessungsgrundlage sind genau definiert. Wird dies nicht korrekt bei der lokalen Steuerbehörde gemeldet und einbehalten, haftet zunächst das Unternehmen als Arbeitgeber. Ich habe erlebt, wie ein Start-up mit internationalen Investoren bei einer Finanzierungsrunde massive Probleme bekam, weil die steuerlichen Verpflichtungen aus einem Mitarbeiteroptionsprogramm nicht bedacht worden waren und plötzlich eine hohe Nachzahlungsforderung im Raum stand.

Die Compliance erfordert hier eine frühzeitige Planung in enger Abstimmung mit Steuerberatern und Rechtsanwälten, die sowohl mit den lokalen als auch den internationalen Aspekten vertraut sind. Die Dokumentation muss lückenlos sein, und die Meldepflichten gegenüber der State Administration of Foreign Exchange (SAFE) und den Steuerbehörden müssen strikt eingehalten werden. Ein standardisiertes Prozess- und Meldehandbuch für solche Vergütungsbestandteile ist für jedes international aufgestellte Unternehmen in China unerlässlich.

Arbeitsverträge und Disziplinarmaßnahmen

Der Arbeitsvertrag ist das Fundament des Beschäftigungsverhältnisses. Die Anforderungen an seinen Inhalt und die Prozesse um ihn herum sind hoch. Jede Klausel, die gegen zwingendes Arbeitsrecht verstößt (z.B. überhöhte Vertragsstrafen, pauschaler Verzicht auf Urlaubsansprüche), ist nichtig. Besonders kritisch sind die Prozesse bei Disziplinarmaßnahmen und Kündigungen. Eine Kündigung wegen "schlechter Leistung" ist in China außerordentlich schwierig durchzusetzen, wenn nicht ein klar definierter und nachweisbarer Leistungsmanagementprozess mit Zielvereinbarungen, Feedback und Verbesserungsmöglichkeiten vorausgegangen ist.

Ein praktisches Beispiel: Ein europäischer Einzelhändler wollte einen Storemanager aufgrund unterdurchschnittlicher Umsatzzahlen kündigen. Das Arbeitsgericht wies die Kündigung zurück, weil das Unternehmen nicht nachweisen konnte, dass die Ziele klar kommuniziert, der Mitarbeiter auf die Abweichung hingewiesen und ihm eine angemessene Chance zur Verbesserung gegeben worden war. Das Unternehmen musste eine hohe Abfindung zahlen.

Die Lösung liegt in einem robusten Performance-Management-System, das dokumentiert ist. Vor jeder schwerwiegenden disziplinarischen Maßnahme oder Kündigung ist eine interne oder externe rechtliche Prüfung dringend anzuraten. Der Prozess ist oft genauso wichtig wie das Ergebnis. Ein gut dokumentierter und fairer Prozess kann das Unternehmen vor hohen Schadensersatzforderungen und Imageschäden schützen.

Gleichbehandlung und Antidiskriminierung

Das Thema gewinnt massiv an Bedeutung. Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, ethnischer Herkunft, Gesundheitsstatus (z.B. HIV), oder – besonders relevant für ausländische Unternehmen – der Staatsangehörigkeit, wird zunehmend thematisiert und auch rechtlich verfolgt. Stellenausschreibungen mit Formulierungen wie "bevorzugt männlich" oder "unter 35 Jahren" sind nicht nur geschmacklos, sondern schlicht illegal und können zu empfindlichen Strafen führen.

Ein Bereich, der oft übersehen wird, ist die Gleichbehandlung von lokalen und expatriierten Mitarbeitern in vergleichbaren Positionen. Extreme Gehaltsunterschiede für die gleiche Tätigkeit können, auch wenn sie marktüblich erscheinen, zu Spannungen und im Extremfall zu rechtlichen Auseinandersetzungen führen. Auch bei Beförderungen und Karrierechancen muss ein fairer und transparenter Prozess gewährleistet sein.

Unternehmen sollten ihre internen Richtlinien, von der Rekrutierung über die Beförderung bis zur Vergütung, auf versteckte diskriminierende Elemente überprüfen und Schulungen für Führungskräfte und HR-Personal durchführen. Eine Kultur der Inklusion und Fairness ist nicht nur ein Compliance-Thema, sondern ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Bindung von Talenten in Chinas wettbewerbsintensivem Arbeitsmarkt.

Gewerkschaften und Kollektivverhandlungen

Viele ausländische Unternehmen betrachten Gewerkschaften traditionell als ein Relikt aus einer anderen Zeit. Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Die Rolle der offiziellen Gewerkschaftsstrukturen wird aktiv gestärkt. In bestimmten Fällen, z.B. bei Massenentlassungen oder größeren Betriebsänderungen, ist die Anhörung und Zustimmung der Gewerkschaft gesetzlich vorgeschrieben. Fehlt diese, ist die Maßnahme anfechtbar.

Praktisch bedeutet das, dass ein guter und konstruktiver Kontakt zur betrieblichen Gewerkschaftsvertretung wichtig ist. Es geht nicht darum, Kontrolle abzugeben, sondern einen gesetzlich vorgeschriebenen Dialogkanal zu pflegen. In einigen Regionen und Industriezweigen wird auch der Abschluss von Kollektivverträgen zunehmend forciert, die für alle Mitarbeiter eines Unternehmens oder sogar einer Branche Mindeststandards festlegen können.

Meine Erfahrung zeigt, dass Unternehmen, die dies proaktiv und transparent angehen, weniger Überraschungen und Konflikte erleben. Die Einbindung der Gewerkschaft in bestimmte Prozesse frühzeitig zu planen, ist Teil eines klugen Risikomanagements. Ignorieren ist hier keine Strategie.

Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Compliance in der Beschäftigungspraxis in China kein reines HR-Thema mehr ist, sondern ein strategisches Geschäftsrisiko, das direkte Auswirkungen auf die finanzielle Performance und den Ruf eines Unternehmens hat. Die neuen regulatorischen Anforderungen sind vielschichtig, reichen vom Datenschutz über die korrekte Sozialversicherung bis hin zu fairen Prozessen und der Anerkennung neuer Arbeitsmodelle. Der gemeinsame Nenner ist ein klarer Trend zu mehr Transparenz, Fairness und substanzieller Rechtmäßigkeit, unterstützt durch digitale Überwachungswerkzeuge der Behörden.

Für Investoren bedeutet dies, dass bei der Due Diligence für eine Beteiligung oder beim laufenden Monitoring eines Portfoliounternehmens der Bereich "Human Capital Compliance" eine viel gewichtigere Rolle spielen muss. Historische Altlasten können erhebliche finanzielle Belastungen für die Zukunft darstellen. Meine Empfehlung ist eine proaktive und präventive Herangehensweise: Regelmäßige Compliance-Audits, Schulungen der Führungskräfte, Investitionen in geeignete HR-Systeme und die enge Begleitung durch erfahrene lokale Berater sind keine Kosten, sondern eine essentielle Versicherung.

In die Zukunft blickend, erwarte ich eine weitere Konsolidierung und Verschärfung der Regularien, insbesondere im Bereich der Plattformarbeit und der Gleichbehandlung. Unternehmen, die heute ihre Prozesse und ihre Kultur auf die Prinzipien von Fairness, Transparenz und Respekt ausrichten, werden nicht nur regulatorisch auf der sicheren Seite sein, sondern auch im "War for Talent" in China einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil besitzen. Die Zeit des "Augen-zumachen-und-durch" ist endgültig vorbei. Willkommen im Zeitalter der umfassenden Beschäftigungs-Compliance.

Einschätzung der Jiaxi Steuerberatung

Aus der Perspektive von Jiaxi Steuerberatung, mit unserer langjährigen Begleitung hunderttausender ausländischer Unternehmen, betrachten wir die neuen Compliance-Anforderungen im Personalbereich als eine der zentralen betrieblichen Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts. Es handelt sich nicht um isolierte Einzelthemen, sondern um ein sich ständig weiterentwickelndes, vernetztes Ökosystem aus Recht, Steuern, Daten und Sozialpolitik. Die größte Gefahr liegt in der Silosierung: Wenn die Rechtsabteilung, HR, Finance und IT nicht eng zusammenarbeiten, entstehen zwangslä